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Ich sah den Wald sich färben

Ich sah den Wald sich färben
Die Luft war grau und stumm;
Mir war betrübt zum Sterben
Und wußt' es kaum, warum

Durchs Feld vom Herbstgestäude
Hertrieb das dürre Laub;
Da dacht' ich: deine Freude
Ward so des Windes Raub.

Dein Lenz, der blütenvolle,
Dein reicher Sommer schwand;
An die gefrorne Scholle
Bist du nun festgebannt.

Da plötzlich floss ein klares
Getön in Lüften hoch:
Ein Wandervogel war es,
Der nach dem Süden zog.

Ach, wie der Schlag der Schwingen,
Das Lied ins Ohr mir kam,
Fühlt' ich's wie Trost mir dringen
Zum Herzen wundersam.

Es mahnt' aus heller Kehle
Mich ja der flücht'ge Gast:
Vergiss, o Menschenseele,
Nicht, dass du Flügel hast.

Die Kinder

Einstmals hab ich ein Lied gewusst,
Einst, in goldenen Stunden,
Sang ich's, da ich ein Kind noch war,
Aber mir ist's entschwunden.

Lieblich schwebte die Weise hin,
weich wie Schwanengefieder;
Ach, wohl such' ich durch Feld und Wald,
Finde nimmer sie wieder.

Manchmal mein ich, es wogt ihr Laut
Über der Flur in den Winden;
Aber es ist verhallt im Nu,
Will ich ihn greifen und binden.

Oft auch, wenn ich bei Nacht entschlief,
Streift urplötzlich und leise
Über mein Herz mit Traumeshand
Die verlorene Weise.

Aber fahr' ich vom Kissen auf,
Kann ich mich nimmer besinnen;
Nur vom Auge noch fühl ich sacht
Brennende Tränen rinnen.

Und doch mein ich: fändt ich den Klang,
All die heimlichen Schmerzen
Könnt ich wieder, wie einst als Kind,
Mir wegsingen vom Herzen.

Melancholie

Wann, wann erscheint der Morgen,
Wann denn, wann denn!
Der mein Leben löst aus diesen Banden?
Ihr Augen, vom Leide so trübe,
Saht nur Qual für Liebe,
Saht nicht eine Freude,
Saht nur Wunde auf Wunde,
Schmerz auf Schmerz mir geben,
Und im langen Leben
Keine frohe Stunde.
Wenn es endlich doch geschähe,
Dass ich sähe' die Stunde,
Wo ich nimmer sähe!
Wann erscheint der Morgen,
Der mein Leben löst aus diesen Banden?

Frühlingslied

Mit geheimnisvollen Düften
Grüßt vom Hang der Wald mich schon,
Über mir in hohen Lüften
Schwebt der erste Lerchenton.

In den süßen Laut versunken
Wall' ich hin durchs Saatgefild,
Das noch halb vom Schlummer trunken
Sanft dem Licht entgegenschwillt.

Welch ein Sehnen! welch ein Träumen!
Ach, du möchtest vorm Verglühn
Mit den Blumen, mit den Bäumen,
Altes Herz, noch einmal blühn.

Mittagszauber

Im Garten wandelt hohe Mittagszeit,
der Rasen glänzt, die Wipfel schatten breit;
von oben sieht, getaucht in Sonnenschein
und leuchtend Blau, der alte Dom herein.

Am Birnbaum sitzt mein Töchterchen im Gras;
die Märchen liest sie, die als Kind ich las;
ihr Antlitz glüht, es ziehn durch ihren Sinn
Schneewittchen, Däumling, Schlangenkönigin.

Kein Laut von außen stört; ’s ist Feiertag —
nur dann und wann vom Turm ein Glockenschlag!
Nur dann und wann der mattgedämpfte Schall
im hohen Gras von eines Apfels Fall!

Da kommt auf mich ein Dämmern wunderbar,
gleichwie im Traum verschmilzt, was ist und war:
die Seele löst sich und verliert sich weit
ins Märchenreich der eignen Kinderzeit.
 

Die Liebe saß als Nachtigall

Die Liebe saß als Nachtigall
im Rosenbusch und sang;
es flog der wundersüße Schall
den grünen Wald entlang.

Und wie er klang, da stieg im Kreis
aus tausend Kelchen Duft,
und alle Wipfel rauschten leis',
und leiser ging die Luft;

die Bäche schwiegen, die noch kaum
geplätschert von den Höh'n,
die Rehlein standen wie im Traum
und lauschten dem Getön.

Und hell und immer heller floß
der Sonne Glanz herein,
um Blumen, Wald und Schlucht
ergoß sich goldig roter Schein.

Ich aber zog den Weg entlang
und hörte auch den Schall.
Ach! was seit jener Stund' ich sang,
war nur sein Widerhall.

Herbstlich sonnige Tage

Herbstlich sonnige Tage
mir beschieden zur Lust,
euch mit leiserem Schlage
grüßt die atmende Brust.

O wie waltet die Stunde
nun in seliger Ruh’?!
Jede schmerzende Wunde
schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
still an sich selber zu baun,
fühlt sich die Seele getrieben
und mit Liebe zu schaun.

Jedem leisen Verfärben
lausch ich mit stillem Bemühn,
jedem Wachsen und Sterben,
jedem Welken und Blühn.

Was da webet im Ringe,
was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
ist’s dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
die mit Düften sich füllt,
trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Du feuchter Frühlingsabend

Du feuchter Frühlingsabend,
wie hab' ich dich so gern!
Der Himmel wolkenverhangen,
nur hie und da ein Stern.

Ein leiser Liebesodem
hauchet so lau die Luft,
es steigt aus allen Talen
ein warmer Frühlingsduft.

Ich möcht' ein Lied ersinnen,
das diesem Abend gleich,
und kann den Klang nicht finden,
so dunkel, mild und weich.

Für Musik

Nun die Schatten dunkeln,
Stern an Stern erwacht:
Welch ein Hauch der Sehnsucht
Flutet in der Nacht!

Durch das Meer der Träume
Steuert ohne Ruh´,
Steuert meine Seele
Deiner Seele zu.

Die sich dir ergeben,
Nimm sie ganz dahin!
Ach, du weißt, dass nimmer
Ich mein eigen bin.

 

Aus dem Walde

Mit dem alten Förster heut
bin ich durch den Wald gegangen,
während hell im Festgeläut'
aus dem Dorf die Glocken klangen.

Golden floss ins Laub der Tag,
Vöglein sangen Gottes Ehre,
fast, als ob der ganze Hag
wüsste, dass es Sonntag wäre.

Und wir kamen ins Revier,
wo, umrauscht von alten Bäumen,
junge Stämmlein sonder Zier
sprossten auf besonnten Räumen.

Feierlich der Alte sprach:
"Siehst du über unsern Wegen
hochgewölbt das grüne Dach?
Das ist unsrer Ahnen Segen.

Denn es gilt ein ewig Recht,
wo die hohen Wipfel rauschen;
von Geschlechte zu Geschlecht
geht im Wald ein ewig Tauschen.

Was uns not ist, uns zum Heil
ward's gegründet von den Vätern;
aber das ist unser Teil,
dass wir gründen für die Spätern.

Drum im Forst auf meinem Stand
ist mir's oft, als böt' ich linde
meinem Ahnherrn diese Hand,
jene meinem Kindeskinde.

Und sobald ich pflanzen will,
pocht das Herz mir, dass ich's merke,
und ein frommes Sprüchlein still
muss ich beten zu dem Werke.

"Schütz euch Gott, ihr Reiser schwank!
Mögen unter euren Kronen,
rauscht ihr einst den Wald entlang,
Gottesfurcht und Freiheit wohnen!

Und ihr Enkel, still erfreut,
mögt ihr dann mein Segnen ahnen
wie's mit frommem Dank mich heut
an die Väter will gemahnen."


Wie verstummend im Gebet
schwieg der Mann, der tiefergraute,
klaren Auges, ein Prophet,
welcher vorwärts, rückwärts schaute.


Segnend auf die Stämmlein rings
sah ich dann die Händ' ihn breiten;
aber in den Wipfeln ging's
wie ein Gruß aus alten Zeiten.

Es ist das Glück ein flüchtig Ding

Es ist das Glück ein flüchtig Ding,
Und war's zu allen Tagen;
Und jagtest du um der Erde Ring,
Du möchtest es nicht erjagen.

Leg' dich lieber ins Gras voll Duft
Und singe deine Lieder;
Plötzlich vielleicht aus blauer Luft
Fällt es auf dich hernieder.

Aber dann pack' es und halt' es fest
Und plaudre nicht viel dazwischen;
Wenn du zu lang' es warten läßt,
Möcht' es dir wieder entwischen.

Letzte Sühne

Meiner Jugend Liebe du,
Bild voll Lust und Schmerzen,
Gehst du wieder auf in Ruh
Ueber meinem Herzen?

Ach nicht ewig kann die Brust
Schuld um Schuld ermessen,
Eins nur ist mir noch bewußt,
Daß ich dich besessen.

Die mit ihrem finstern Wahn
Mein Gemüth verschattet,
Jeder Groll ist abgethan,
Jeder Gram bestattet.

Lächelnd, wie ich einst dich sah,
Da mein Herz erglühte,
Stehst du wieder vor mir da
In der Anmuth Blüthe.

Und so schließ' ich schön und hoch,
Sonder Schuld und Fehle,
Mit dem Blick der Liebe noch
Dich in meine Seele.

Nie mehr will ich nur von fern
Deinem Pfad begegnen;
Doch als Jugendmorgenstern
Soll dies Bild mich segnen.

Und am Ende meiner Bahn,
Hoff' ich, soll voll Milde
Mir der Todesengel nahn
Ach, in diesem Bilde.

Unter der Loreley

Wie kühl der Felsen dunkelt
Hernieder in den Rhein!
Kein Strahl der Sonne funkelt
Im grünen Wasserschein.
Es kommt im Windesweben
Ein Gruß der Märchenzeit -
Wie fern von hier das Leben!
Die Welt wie weit von hier, wie weit!

In dieser Schattenkühle
Der Einsamkeit im Schooß,
Wird alles, was ich fühle,
So still, so klar, so groß.
Kein Wunsch mehr, kein Begehren,
Geschlichtet jeder Zwist -
Ich kann der Welt entbehren,
Wo du, o Liebe, bei mir bist.

Die Liebe

Die Liebe gleicht dem April:
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten in Herzen und Thalen,
Bald stürmisch und bald still,
Bald heimliches Ringen und Dehnen,
Bald Wolken, Regen und Thränen -
Im ewigen Schwanken und Sehnen
Wer weiß, was werden will!

Eros, der Schenk

Ich wähle mir den Liebesgott zum Schenken,
Er füllt den Becher mir aus Zauberkrügen
Und weiss das Herz in seliges Genügen,
Den Sinn in süssen Taumel zu versenken.

Auch lehrt er mich, zu holdem Angedenken
Den Wein zu schlürfen in bedächt'gen Zügen,
Zu zartem Grusse Reim in Reim zu fügen
Und sanft der Musen weisses Ross zu lenken.

Und wenn des Abends Schatten sich verbreiten
Und müd' ich ruhe von des Tages Genusse,
Erregt er sacht der Zither goldne Saiten.

Da muss im Schlaf gleich Wimpeln auf dem Flusse
Manch hohes Traumbild mir vorübergleiten,
Bis mich der Morgen weckt mit ros'gem Kusse.

Ich denke still zurück

Ich denke still zurück
An heut vor sieben Jahren;
Das war das höchste Glück,
Was damals ich erfahren.

Das war das höchste Glück,
Wohl hieß ich's froh willkommen;
Doch hast du's, Herr, zurück
Aus meiner Hand genommen.

Die Blüte, die ich pries,
Die reine, dornenlose,
Sie blüht im Paradies
Nun längst als weiße Rose.

Ach, nimmer den Verlust
Meint' ich zu überstehen;
Die Wund' in meiner Brust
Hast du allein gesehen.

Doch bleibt ein heil'ger Schmerz
Im Staub nicht ewig ranken,
Und heute soll mein Herz
Nicht klagen, sondern danken,

Daß, was so schön und hoch
Mir ward an jenem Tage,
Ich als Erinn'rung doch
Stillglänzend in mir trage,

Und daß du mild von Ihr,
Bis ich sie wiederfinde,
Ein süßes Abbild mir
Beschert in ihrem Kinde.

Wolle Keiner mich fragen

Wolle Keiner mich fragen,
Warum mein Herz so schlägt,
Ich kann's nicht fassen, nicht sagen,
Was mich bewegt.

Als wie im Traume schwanken
Trunken die Sinne mir;
Alle meine Gedanken
Sind nur bei dir.

Ich habe die Welt vergessen,
Seit ich dein Auge gesehn;
Ich möchte dich an mich pressen
Und still im Kuß vergehn.

Mein Leben möchte' ich lassen
Um ein Lächeln vor dir,
Und du - ich kann's nicht fassen -
Versagst es mir.

Ist's Schicksal, ist's dein Wille?
Du siehst mich nicht. -
Nun wein' ich stille, stille,
Bis das Herz mir zerbricht.

 

O stille dies Verlangen

O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein!
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!
Schon liegt die Welt im Traume,
Blühet die duft'ge Nacht;
Der Mond im blauen Raume
Hält für die Liebe Wacht.
Wo zwei sich treu umfangen,
Da giebt er den holdesten Schein.
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!

Du bist das süße Feuer,
Das mir am Herzen zehrt;
Lüfte, lüfte den Schleier,
Der nun so lang' mir wehrt!
Laß mich vom rosigen Munde
Küssen die Seele dir,
Aus meines Busens Grunde
Nimm meine Seele dafür -
O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein,
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!

Die goldnen Sterne grüßen
So klar vom Himmelszelt,
Es geht ein Wehn und Küssen
Heimlich durch alle Welt,
Die Blumen selber neigen
Sehnsüchtig einander sich zu,
Die Nachtigall singt in den Zweigen -
Träume, liebe auch du!
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!
Von Lieb' und Traum umfangen
Wollen wir selig sein.

Verlorene Liebe

Und fragst du mich mit vorwurfsvollem Blick:
Warum so trübe? Welch ein Mißgeschick
Vermag der Seele Frieden dir zu stören? -
Wohlan! Es sei! Die nächt'ge Stund' ist gut,
Im Becher glüht der Traube dunkles Blut -
Von meiner Jugendliebe sollst du hören.

Ich war ein Knab', wie andre Knaben sind,
Halb trotzig heißer Jüngling, halb noch Kind,
Zu scheu, des Lebens Räthsel zu entsiegeln;
Mein junges Herz war voll und sehnsuchtsschwer,
Es wußte kaum, weßhalb - es glich dem Meer,
Das still des Mondes harrt, ihn anzuspiegeln.

Da fand ich Sie, das blonde Kind der Flur,
Und zwiegeschaffen fühlten wir uns nur,
Uns neu zu einen wie in Edens Räumen;
Blau war ihr Auge, wie die Sommernacht;
Und diese Lippen! - Wem sie nur gelacht,
Der mußt' hinfort von heißen Küssen träumen.

Wohl blüht' uns damals eine schöne Zeit,
Als wir in dunkler Waldeseinsamkeit
Das Reh belauschten und der Knospen Schwellen,
Als wir im Kahne - Dämmrung rings umher -
Uns wiegten auf dem abendstillen Meer,
Vom Spätroth nur gesehn und von den Wellen;

Als wir auf mondbeleuchtetem Balkon
Zweistimmig sangen zu der Laute Ton,
Als wir uns heimlich flüsternd dann umfingen
Und Aug' in Auge seligen Erguß
Herniederthaute und im ersten Kuß
Die Seelen brennend an einander hingen.

O wär' ich bei des ersten Kusses Tausch
Damals gestorben in beglücktem Rausch,
Aus weichen Armen in die Gruft getrieben!
Ich wäre jetzt kein Greis mit braunem Haar,
Frisch außen, innen Leiche. - O fürwahr,
Es stirbt als Knabe, wen die Götter lieben.

Nun mußt' ich sie verlieren. An den Mann
Ist sie gebannt, den sie nicht lieben kann,
Dem ihre ersten Küsse nicht zu eigen.
Er führte lächelnd zum Altar sie fort;
Sie wurde bleich, der Priester sprach das Wort,
Ich aber stand dabei und mußte schweigen.

Und denk' ich dran, so kocht im Grimm mein Herz,
Und wie ein kaltes Eisen fährt der Schmerz
Mir durch die Brust, und jeder Trost versaget.
Darum bin ich so trüb, darum so wild.
Doch nun hinweg damit! - Das Glas gefüllt!
Beim Weine will ich schwärmen, bis es taget.

Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus
Da bleibe wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus;
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüht!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht!
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
Es gibt so manchen Wein, den nimmer ich probiert.

Frischauf drum, frischauf drum im hellen Sonnenstrahl
Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all,
Mein Herz ist wie ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein;
»Herr Wirt, Herr Wirt, ne Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fidel, du lustiger Spielmann du,
Von meinem Schatz das Liedel das singe ich dazu.«

Und find ich keine Herberg, so liege ich zur Nacht
Wohl unter blauen Himmel, die Sterne halten wacht;
lm Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
Es küsset in der Früh das Morgenrot mich wach.

0 Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
Da wehet Gottes Odem so frisch in die Brust,
Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt
Wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt.

Wer recht in Freuden wandern will

Wer recht in Freuden Wandern will
Der geht der Sonn' entgegen
Da ist der Wald so kirchenstill
Kein Lüftchen mag sich regen
Noch sind nicht die Lärchen wach
Nur im hohen Gras der Bach
Sing leise den Morgensegen.

 Die ganze Welt ist wie ein Buch
Darin uns aufgeschrieben
In bunten Zeilen manch ein Spruch
Wie Gott uns treu geblieben.
Wald und Blumen nah und fern
Und der helle Morgenstern
Sind Zeugen von seinem Lieben.

 Da zieht die Andacht wie ein Hauch
Durch alle Sinne leise
Da pocht ans Herz die Liebe auch
In ihrer stillen Weise.
Pocht und pocht bis sich's erschließt
Und die Lippe überfließt
Von lautem jubelnden Preise.

Und plötzlich lässt die Nachtigall
Im Busch ihr Lied erklingen;
In Berg und Tal erwacht der Schall
Und will sich aufwärts schwingen.
 Und der Morgenröte Schein
Stimmt in lichter Glut mit ein:
Lasst uns den Herrn lobsingen.

 

Ach, wer hat es nicht erfahren

Ach, wer hat es nicht erfahren,
Daß ein Blick, ein Ton, ein Duft
Was vergessen war seit Jahren
Plötzlich vor die Seele ruft!

Also kommt in dieser süßen
Frühlingszeit von Wald und Fluß
Solch Erinnern oft und Grüßen,
Daß ich tief erschrecken muß.

Weisen, die gelockt den Knaben,
Dämmern auf in meinem Ohr:
Dunkle Sehnsucht, längst begraben,
Zuckt wie Blitz in mir empor.

Und wenn hoch die Sterne scheinen,
Geht im Traum durch meinen Sinn
Winkend, mit verhalt'nem Weinen,
Die verlorne Liebe hin.

In der Ferne

Sag an, du wildes oft getäuschtes Herz,
Was sollen diese lauten Schläge nun?
Willst du nach so viel namenlosem Schmerz
Nicht endlich ruhn?

Die Jugend ist dahin, der Duft zerstob,
Die Rosenblüte fiel vom Lebensbaum;
Ach, was dich einst zu allen Himmeln hob,
Es war ein Traum.

Die Blüte fiel, mir blieb der scharfe Dorn,
Noch immer aus der Wunde quillt das Blut;
Es sind das Weh, die Sehnsucht und der Zorn
Mein einzig Gut.

Und dennoch, brächte man mir Lethe's Flut
Und spräche: Trink, du sollst genesen sein,
Sollst fühlen, wie sanft Vergessen thut, -
Ich sagte: Nein!

War Alles nur wesenloser Trug,
Er war so schön, er war so selig doch;
Ich fühl' es tief bei jedem Athemzug:
Ich liebe noch.

Drum laßt mich gehn, und blute still mein Herz;
Ich suche mir den Ort bei Nacht und Tag,
Wo mit dem letzten Lied ich Lieb' und Schmerz
Verhauchen mag.

 

Wenn still mit seinen letzten Flammen

Wenn still mit seinen letzten Flammen
Der Abend in das Meer versank,
Dann wandeln traulich wir zusammen
Am Waldgestad im Buchengang.

Wir sehn den Mond durch Wolken steigen,
Wir hören fern die Nachtigall,
Wir athmen Düfte, doch wir schweigen -
Was soll der Worte leerer Schall?

Das höchste Glück hat keine Lieder,
Der Liebe Lust ist still und mild;
Ein Kuß, ein Blicken hin und wieder,
Und alle Sehnsucht ist gestillt.

Siehst du das Meer?

Siehst du das Meer? Es glänzt auf seiner Flut
Der Sonne Pracht;
Doch in der Tiefe, wo die Perle ruht,
Ist finstre Nacht.

Das Meer bin ich. In stolzen Wogen rollt
Mein wilder Sinn,
Und meine Lieder ziehn wie Sonnengold
Darüber hin.

Sie flimmern oft von zauberhafter Lust,
Von Lieb' und Scherz;
Doch schweigend blutet in verborgner Brust
Mein dunkles Herz.

Drei Bitten hab' ich

Drei Bitten hab' ich für des Himmels Ohr,
Die send' ich täglich früh und spät empor:
Zum ersten, daß der Liebe reiner Born
Mir nie versieg' in Ungeduld und Zorn;
Zum zweiten, daß mir, was ich auch vernahm,
Ein Echo weck', ein Lied in Lust und Gram;
Zum dritten, wenn das letzte Lied verhallt
Und wenn der Quell der Liebe leiser wallt,
Daß dann der Tod mich schnell mit sanfter Hand
Hinüberführ' in jenes besser Land,
Wo ewig ungetrübt die Liebe quillt
Und wo das Lied als einz'ge Sprache gilt.

Die stille Wasserrose

Die stille Wasserrose
Steigt aus dem blauen See,
Die feuchten Blätter zittern,
Der Kelch ist weiß wie Schnee.

Da gießt der Mond vom Himmel
All seinen goldnen Schein,
Gießt alle seine Strahlen
In ihren Schooß hinein.

Im Wasser um die Blume
Kreiset ein weißer Schwan;
Er singt so süß, so leise,
Und schaut die Blume an.

Er singt so süß, so leise,
Und will im Singen vergehn -
O Blume, weiße Blume,
Kannst du das Lied verstehn?

Vergänglichkeit

Daß Alles uns so rasch vorübereilet
Und sich die Zeit nicht läßt in Fesseln schlagen,
Es war mir nimmermehr ein Grund zu klagen,
Wenn ich im Kreis der Fröhlichkeit verweilet.

Denn öfter noch hat mir es Trost ertheilet,
Wenn auf der Seele tiefe Schatten lagen;
Der bangen durft' ich dann vertrauend sagen:
Getrost! Der Sand verrinnt, die Wunde heilet.

So hofft' ich stets dem jungen Lenz entgegen,
War ich vom Frost des Winters kalt umschauert,
Und sah mit Ruh den Herbst ins Grab sich legen.

Nur Eines hab' ich immer tief betrauert,
Daß auch die schönste Blum' auf unsern Wegen,
Die Liebe selbst nur zwei Minuten dauert.

Wo ist das Glück zu Hause

O wo ist, wo ist das Glück zu Hause,
Daß ich's endlich finden mag und greifen,
Und mit starker Fessel an mich binden!
O wo ist, wo ist das Glück zu Hause?

"Wo des Mondes Sichel schwimmt im Wasser,
Wo das Echo schläft am hohlen Felsen,
Wo der Fuß des bunten Regenbogens
Auf dem Rasen steht, da geh' es suchen!"

 

Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muß d o c h Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf,
Und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren,
Und läßt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll' auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muß d o c h Frühling werden..

 

Geständnis

Also lieb' ich Euch, Geliebte,
Dass mein Herz es nicht mag wagen,
Irgend einen Wunsch zu tragen,
Also lieb' ich Euch!

Denn wenn ich zu wünschen wagte,
Hoffen würde' ich auch zugleich;
Wenn ich nicht zu hoffen zagte,
Weiß ich wohl, erzürnt' ich Euch.

Darum ruf' ich ganz alleine
Nur dem Tod, dass er erscheine,
Weil mein Herz es nicht mag wagen,
Einen andern Wunsch zu tragen,
Also lieb' ich Euch!

Die Goldgräber

Sie waren gezogen über das Meer,
Nach Glück und Gold stand ihr Begehr,
Drei wilde Gesellen, vom Wetter gebräunt,
Und kannten sich wohl und waren sich freund.

Sie hatten gegraben Tag und Nacht,
Am Flusse die Grube, im Berge den Schacht,
In Sonnengluten und Regengebraus,
Bei Durst und Hunger hielten sie aus.

Und endlich, endlich, nach Monden voll Schweiß,
Da sahn aus der Tiefe sie winken den Preis,
Da glüht' es sie an durch das Dunkel so hold,
Mit Blicken der Schlange, das feurige Gold.

Sie brachen es los aus dem finsteren Raum,
Und als sie's faßten, sie hoben es kaum,
Und als sie's wogen, sie jauchzten zugleich:
“Nun sind wir geborgen, nun sind wir reich!”

Sie lachten und kreischten mit jubelndem Schall,
Sie tanzten im Kreis um das blanke Metall,
Und hätte der Stolz nicht bezähmt ihr Gelüst,
Sie hätten's mit brünstiger Lippe geküßt.

Sprach Tom, der Jäger: Nun laßt uns ruhn!
Zeit ist's, auf das Mühsal uns gütlich zu tun.
Geh, Sam, und hol uns Speisen und Wein,
Ein lustiges Fest muß gefeiert sein.

Wie trunken schlenderte Sam dahin
Zum Flecken hinab mit verzaubertem Sinn;
Sein Haupt umnebelnd beschlichen ihn sacht
Gedanken, wie er sie nimmer gedacht.

Die andern saßen am Bergeshang,
Sie prüften das Erz und es blitzt' und es klang.
Sprach Will, der Rote: Das Gold ist fein;
Nur schade, daß es wir teilen zu drein!

»Du meinst?« – Je nun, ich meine nur so.
Zwei würden des Schatzes besser froh –
»Doch wenn –« – Wenn was? »Nun, nehmen wir an,
Sam wäre nicht da« – Ja, freilich, dann – –

Sie schwiegen lang; die Sonne glomm
Und gleißt' um das Gold; da murmelte Tom:
“Siehst du die Schlucht dort unten?” – Warum?
“Ihr Schatten ist tief und die Felsen sind stumm.” –

Versteh ich dich recht? – “Was fragst du noch viel!
Wir dachten es beide, und führen's ans Ziel.
Ein tüchtiger Stoß und ein Grab im Gestein,
So ist es getan und wir teilen allein.”

Sie schwiegen aufs neu. Es verglühte der Tag,
Wie Blut auf dem Golde das Spätrot lag;
Da kam er zurück, ihr junger Genoß,
Von bleicher Stirne der Schweiß ihm floß.

“Nun her mit dem Korb und dem bauchigen Krug!”
Und sie aßen und tranken mit tiefem Zug.
“Hei lustig, Bruder! Dein Wein ist stark;
Er rollt wie Feuer durch Bein und Mark.

Komm, tu uns Bescheid!!” – Ich trank schon vorher;
Nun sind vom Schlafe die Augen mir schwer.
Ich streck ins Geklüft mich. – !Nun, gute Ruh!
Und nimm den Stoß, und den dazu!!

Sie trafen ihn mit den Messern gut;
Er schwankt' und glitt im rauchenden Blut.
Noch einmal hub er sein blaß Gesicht:
!Herr Gott im Himmel, du hältst Gericht!

Wohl um das Gold erschluget ihr mich;
Weh euch! Ihr seid verloren, wie ich.
Auch ich, ich wollte den Schatz allein,
Und mischt euch tödliches Gift an den Wein.”

 

Mein Herz ist schwer

Mein Herz ist schwer, mein Auge wacht,
Der Wind fährt seufzend durch die Nacht;
Die Wipfel rauschen weit und breit,
Sie rauschen von vergangner Zeit.

Sie rauschen von vergangner Zeit,
Von großen Glück und Herzeleid,
Vom Schloss und von der Jungfrau drin -
Wo ist das alles, alles hin?

Wo ist das alles, alles hin,
Leid, Lieb' und Lust und Jugendsinn?
Der Wind fährt seufzend durch die Nacht,
Mein Herz ist schwer, mein Auge wacht.

Gesunden

Durch die wolkige Maiennacht
geht ein leises Schallen,
wie im Wald die Tropfen
sacht auf die Blätter fallen.

Welch' ein ahnungsreicher Duft
weht aus allen Bäumen!
Dunkel webt es in der Luft
wie von Zukunftsträumen.

Da im Hauch, er auf ich sinkt,
dehnt sich all' mein Wesen,
und die müde Seele trinkt
schauerndes Genesen:

Müde Seele, hoffe nur,
morgen kommt die Sonne,
und du blühst mit Wald und Flur
hell in Frühlingswonnen!

Ostermorgen.

Die Lerche stieg am Ostermorgen
empor ins klarste Luftgebiet
und schmettert, hoch im Blau verborgen,
ein freudig Auferstehungslied,
und wie sie schmetterte, da klangen
es tausend Stimmen nach im Feld,
Wach auf, das Alte ist vergangen,
wach auf, du froh verjüngte Welt.

Wacht auf und rauscht durchs Tal ihr Brónnen
und lobt den Herrn mit frohem Schall!
Wacht auf im Frühlingsglanz der Sonnen,
ihr grünen Halm' und Läuber all!
Ihr Veilchen in den Waldesgründen,
ihr Primeln weiß, ihr Blüten rot,
ihr sollt es alle mit verkünden:
Die Lieb' ist stärker als der Tod!

Wacht auf, ihr trägen Menschenherzen,
die ihr im Winterschlafe säumt,
in dumpfen Lüsten, dumpfen Schmerzen
ein gottentfremdet Dasein träumt!
Die Kraft des Herrn weht durch die Lande
wie Jugendhauch, oh, lasst sie ein!
Zerreißt wie Simson ihre Bande,
und wie ein Adler sollt ihr sein!

Wacht auf, ihr Geister, deren Sehnen
gebrochen an den Gräbern steht,
ihr trüben Augen, die vor Tränen
ihr nicht des Frühlings Blumen seht,
ihr Grübler, die ihr fernverloren,
traumwandelnd irrt auf wüster Bahn, -
wacht auf, die Welt ist neugeboren:
hier ist ein Wunder, nehmt es an!

Ihr sollt Euch all' des Heiles freuen,
das über Euch ergossen ward!
Es ist ein irrsinniges Erneuern
im Bild des Frühlings offenbart.
Was dürr war, grünt im Wehen der Lüfte,
jung wird das Alte fern und nah;
der Odem Gottes sprengt die Grüfte, -
wacht auf, der Ostertag ist da!
 

Entschwunden

Einstmals hab ich ein Lied gewusst,
Einst, in goldenen Stunden,
Sang ich's, da ich ein Kind noch war,
Aber mir ist's entschwunden.

Lieblich schwebte die Weise hin,
weich wie Schwanengefieder;
Ach, wohl such' ich durch Feld und Wald,
Finde nimmer sie wieder.

Manchmal mein ich, es wogt ihr Laut
Über der Flur in den Winden;
Aber es ist verhallt im Nu,
Will ich ihn greifen und binden.

Oft auch, wenn ich bei Nacht entschlief,
Streift urplötzlich und leise
Über mein Herz mit Traumeshand
Die verlorene Weise.

Aber fahr' ich vom Kissen auf,
Kann ich mich nimmer besinnen;
Nur vom Auge noch fühl ich sacht
Brennende Tränen rinnen.

Und doch mein ich: fänd ich den Klang,
All die heimlichen Schmerzen
Könnt, ich wieder, wie einst alles
Mir wegsingen vom Herzen.

Mein Herz ist wie die dunkle Nacht

Süsse Ruh, süsser Taumel im Gras,
Von des Krautes Arome umhaucht,
Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut,
Wenn die Wolk am Azure verraucht,
Wenn aufs müde, schwimmende Haupt
Süsses Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschlossne Wimper bewegt,
Tote Lieb, tote Lust, tote Zeit,
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich dem Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flüchtger ihr als der Kuss
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des ziehenden Vogels Lied,
Das mir nieder perlt aus der Höh,
Als des schillernden Käfers Blitz,
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der heisse Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses eine mir: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Einen Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück meinen Traum.

Liebesglück

O wie so leicht in seligen Genüssen
Sich mir die Stunden jetzt dahinbewegen!
Ins Auge schau' ich dir, bist du zugegen,
Und von dir träum' ich, wenn wir scheiden müssen.

Oft zügeln wir die Sehnsucht mit Entschlüssen,
Doch will sich stets ein neu Verlangen regen,
Und wenn wir kaum verständ'ger Rede pflegen,
Zerschmilzt sie wieder uns und wird zu Küssen.

Der erste weckt Begier nach tausend neuen,
Es folgt auf Liebeszeichen Liebeszeichen,
Und jedes scheint uns höher zu erfreuen.

Nun erst begreif' ich ganz den Lenz, den reichen,
Wenn er nicht endet, Rosen auszustreuen,
Die alle schön sind und sich alle gleichen.
 

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