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Alleingelassen bei Erinnerungen

Jetzt sitzt der weiße Schlaf vor allen Wintertüren,
Die Fenster sind gleich blassen Eierschalen,
Dahinter leben Straßen voll Gespenster
Und Stimmen, die uns ferne Menschen malen.

Man kann die Welt nicht sehen und nur spüren.
Wie Blinde ahnt man dunkel das Geschehen,
Alleingelassen bei Erinnerungen,
Die an den Türen wie die Bettler stehen,

Die bei den Ofenflammen warm sich rühren,
Erregt mit nimmersatten Hungerzungen.
Sie können uns an magern Händen führen
Und haben in der Asche noch nicht ausgesungen.

An deinen Lippen

Deine Küsse halten mich glühend wach,
Sie gehen wie feurige Sterne ums Dach.
An deinen Lippen wird's Blut mir rot,
Mein Herz springt ins Feuer, mein Auge loht.
Deine Augen wie kleine Monde beim Küssen
Im letzten Himmel verschwinden müssen.

An deinen Brüsten die Stunden,

An deinen Brüsten die Stunden,
Die Stunden in deinen Armen
Sind zeitlos weit.
Ich kenne die Erde nicht mehr,
Wenn ich von dir wieder zur Erde gehe.

Die Straßen so seltsam,
Schwarz, nachtkühl in den Morgenstunden,
Schwülgelb der Laternenschein,
Die Straßen leer, und ich so allein,
Und doch gehen tausend Dinge
Neben mir her.
Meine Schritte klingen,
Und die Augen von tausend Dingen
Sehen nach mir.

Deine Küsse, deine Brüste, deine Arme

Deine Küsse, deine Brüste, deine Arme
Pressen noch lüstewarm meinen Leib.
Dein Blut, dein Fleisch
Ruht noch lüstewarm an mir.
Meine Schritte schallen,
Meine Schritte fallen härter von Stein zu Stein,
Die Erde nimmt mich in ihre Mitte,
Verwundert fällt es mir ein:
Wir lagen draußen im Weltenraum,
Wir beide allein.

Die letzte Sonne sah uns ins Gesicht

Wir saßen am Feldrand und sahen ins Land,
Die Erde schien ausgestreckt wie eine schwielige Hand,
In ihren Runzeln und Hügeln ein Haus manchmal stand.
Die letzte Sonne sah uns ins Gesicht,
Sie färbte uns bräuner mit bronzenem Licht;
Wir wurden wie Köpfe, die man auf Münzen sticht.
Dann versanken die Bäume und wichen aus,
Die Felder verlöschten, es schwand Dorf und Haus,
Und die Mondsichel wuchs aus den Ähren heraus.
Es raschelt im Korn und knirscht noch ein Stein,
Es fielen noch Rufe ins Dunkel hinein, -
Dann durften wir Schulter an Schulter im Endlosen sein.

Ach, Lippen, haltet kaum Rast

Es quillt aus dem Abend hervor
Der Kräuter und Gräser Geruch,
Als duften Sträuße verdorrt
In einem uralten Buch.

Beim Weg am Berg empor
Dunstet das Heu gemäht,
Rauscht eine Sense noch spät,
Und Wolke bei Wolke lauscht.

Im Garten am Pflaumenbaum
Schütteln zwei Hände am Ast.
Ja, ein Sommer ist bald verpraßt.
Ach, Lippen, haltet kaum Rast,
Und küßt auch noch im Traum.

Die Luft war stumm

Die Luft war stumm, die Vögel schliefen,
Nur die Wünsche, die tiefen, gingen noch um.
Wir sind zum Abendhimmel auf den Berg gegangen,
Deine Wangen waren in Scham getaucht und mit Feuer behangen.

Viel Blumen saßen um uns dicht beisamen,
Wie junge Schwüre, die mit uns zum Himmel kamen.
Du hast mir deine Lippen wie Blut gegeben, -
O, zu kurz ist der Küsse seliges Leben!

Die Sehnsucht peitscht

Die Sehnsucht peitscht mit scharfem Dorn,
Sie reitet mich wild
Und gibt mir den Sporn,
Und ob mein Herz streitet,
Sie macht mir die Hände zu Hufen aus Horn
Und rennt mit mir durch die Wände.

Die Sehnsucht, sie ist wie Salz im Meer,
Die Zunge wird mir bitten,
Und Durst klebt schwer
In Gaumen und Brust.
Und wie der Schaum auf Wellen lebt,
So mir die Sehnsucht am Munde schwebt.
Wie Wellen, die sich erdrücken müssen,
Erdrücken sich meine verlassenen Lippen
In Sehnsucht nach deinen Küssen.

Die Nachtigallen loben dich

Wie die Wolken an der Erde hängen Tag und Nacht,
So umdrängen dich meine Gedanken.
Die Nachtigallen loben dich,
Und ich schreibe ihre Lieder ab.

Du stehst wie eine Anemone in den Steinfeldern,
Ihre Blütenwangen ziehen meine Hände an.
Nie haben sich Bienen so süß genährt
Wie meine Lippen.

Heut abend

Droben am Berglein im Kirschenland
Heut abend ich mit meinem Vielliebchen stand,
Wo sie manch Schlüsselblümlein fand.
Sie winkte an des Bergleins Rand
Den Wolken zu mit glücklicher Hand.
Frau Venus trat aus der Himmelswand
Aufleuchtend, weil sie zwei Selige fand.

Juli

Nun ist es Sommer den ganzen Tag,
Den ganzen Tag man nur küssen mag,
Und alle die Rosen, die müssen
Satt duften zu unseren Füßen.

Nun bleibt es Sommer den ganzen Tag,
Den ganzen Tag ich im Himmel lag,
Dort tat man sich paarweise küssen
Und satt lag die Erde zu Füßen.

Nun ist es Sommer Nacht und Tag,
Und Nacht und Tag man nur küssen mag;
Von allen heißen Genüssen
Ist Anfang und Ende das Küssen.

Nichts weiter wird geschehen

Die Fenster stehen sommerheiß
Und müssen den Stunden nachsehen,
Die draußen vorübergehen.
Der Stunden Füße sind leis'.

Durch die stillen Fenster im Haus
Sieht die Zeit herein und hinaus,
Und nur der Verliebte weiß:

Nichts weiter wird geschehen,
Wie die Zeiten sich auch drehen,
Alles Blut geht im Kreis,
Und rund um die Lieb' geht der Stunden Reis'.

Nie war die eine Liebesnacht

Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.

Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pochte der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.

O Grille sing-

O Grille, sing,
Die Nacht ist lang.
Ich weiß nicht, ob ich leben darf
Bis an das End von deinem Sang.

Die Fenster stehen aufgemacht.
Ich weiß nicht, ob ich schauen darf
Bis an das End von dieser Nacht.

O Grille, sing, sing unbedacht,
Die Lust geht hin,
Und Leid erwacht.
Und Lust im Leid, -
Mehr bringt sie nicht, die lange Nacht.

Regenduft

Schreie. Ein Pfau.
Gelb schwankt das Rohr.
Glimmendes Schweigen von faulem Holz.

Flüstergrün der Mimosen.
Schlummerndes Gold nackter Rosen
Auf braunem Moor.

Weiße Dämmerung rauscht in den Muscheln.
Granit blank, eisengrau.
Matt im Silberflug Kranichheere
Über die Schaumsaat stahlkühler Meere.

Solang ein Weib tut leben

Solang ein Weib tut leben,
Wird selig auch der Mann.
Sie kann den Himmel geben,
In den man kommen kann.

Solang ein Weib tut leben,
Solang lebt auch der Kuß,
Sie kann den Kuß dir geben,
Der sich verdoppeln muß.

Solang 's ein Weib tut geben,
Gibt's keine tote Stund.
Wie das Bukett der Reben,
Hat sie den Rausch im Bund.

Ich küsse die Luft

Ich küsse die Luft,
Ich umarme die Wärme der Nächte.
Mir ist, es müsse von meinem Harme, meinem Sehnen
Aus der Leere dein Auge aufsprießen,
Zu mir fließen dein blauender Blick.
Sonne brütet,
Sommergras glüht,
Vom roten Mohn sprüht brünstiger Schein.
Ich strecke die Arme,
Erbarme dich, Licht,
Mich küssen hungrige Nächte.

Stille weht in das Haus

Stille weht in das Haus,
Fühlst du den Atem des Mondes,
Löse dein Haar,
Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus.
Hörst du, das Meer unten am Strand
Wirft dir Schätze ans Land;
Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer,
Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.

Und deine Füsse steigen in mein Bett

Du siehst in die Welt feierlich wie der Abend,
Und alle Menschen legen die Hände in den Schoß
Und schauen dich an.

Du dringst sanft in mich wie die Dunkelheit und weckst die Nachtigall,
Und deine Füße steigen in mein Bett,
Sie haben nie einen andern Schritt gelernt.

Weiß nicht mehr, wo die Erde liegt

Die Raben schreien wie verwundet
Und prophezeien Nacht und Not;
Der Frost hat jede Tür umstellt,
Und der Hungerhund bellt.
Wir halten uns immer noch eng umschlungen,
Im Küssen fanden wir noch kein Wort,
Die Lerchen haben sich tot gesungen,
Und Wolken wälzten den Sommer fort.
Doch dein Haupt, das in meinem Arm sich wiegt,
Weiß nicht mehr, wo die Erde liegt.

Von dir lachen noch meine Träume

Dein Leib ist reich gewirkt wie ein Feld voll Honig
und königlicher Blumen
Und kommt weich und heimlich wie der Mond in mein Bett.

Von dir lachen noch meine Träume und bewachen dich.
Und wie die Hähne kämpfen mit erhitztem Sporn,
So töt' ich den, der dich im Traum begehrt.

Wenn deine Arme sich ausbreiten

Wenn deine Arme sich ausbreiten, leuchtet mein Blut
und schlägt Feuer.
Der Duft deines Haares trägt meinen Verstand fort.
Wär' ich dein Haar, warm an dir gewachsen,
Ich würde dir auf Brust und Schoß fallen
Und immer bei dir liegen.

Weiter fällt mir mein Traum nicht ein

Du warst mir nah in meinem Traum,
Deine Stirn war weißer als dein Kleid.
Ein Kuß allein hatte zwischen uns Raum,
Mein Herz fand kaum zum Schlagen Zeit.

Ein Blick in deinen Wimpern stand,
Wie auf dem Samt ein Messer liegt,
So daß ich schön den Tod empfand,
Der heiß mit deinen Augen siegt.

Und noch ein Blick fiel in mein Blut,
Wie eine Rose in den Wein. -
Weiter fällt mir mein Traum nicht ein,
Eh' nicht mein Mund auf deinem ruht.

Wenn wir lieben

Wenn wir lieben, sind wir zeitlos,
Liegen bei den tiefsten Feuern,
Sehen dann von Ferne bloß,
Daß die Lebensstunden sich erneuern.

Werden wie die Gottheit groß,
Fühlend in die Höhen, Tiefen, Breiten,
Wissend alles, was vorüberfloß
An den Quellen der Unendlichkeiten.

Wissend, liebend jed' Geschehen,
Mitgenießend alles, was die Welt genoß,
Sehend, ohne mit dem Aug' zu sehen,
Untergehend und bestehend Schoß im Schoß.

Jasmin

Wachsbleich die Sommernacht,
Auf erddunklen Moderlachen
Singen rosigblaue Irislichter.

Wetterleuchten, schwefelgrün in Splittern,
Eine weiße dünne Schlange sticht
Züngelnd nach dem blauen Mond.

Nur der Regen sich her zu mir bewegt

Nur der Regen sich her zu mir bewegt,
Der Regen, der stumpf auf das Fensterbrett schlägt.
Nur die Kerze am Bett mir ihr Licht hinhält,
Sonst Einsamkeit im Ohr mir bellt.

Sonst sitzt nur Dunkel an meiner Tür,
Und der Regen, den ich als Herzklopfen spür',
Der Regen, der Tropfen um Tropfen zerschellt,
Als renn' er den Kopf sich ein an der Welt.

Der Regen, den ich wie Herzjagen spür',
Überschwemmt, und die Welt bleibt mir trotzdem dürr,
Ich starre die lautlose Lichtflamme an,
an der Kerze hartnäckig zehren kann.

Die Kerze und ich, wir verstehen uns still
Es verzehrt mich mein Blut, das sich totsehnen will.
Meine Sehnsucht muß sich ins Bett mit mir legen,
Sie nagt wie die Flamm' und ist verrannt wie der Regen.

 

Ist niemand da, nicht mal mein Schatten?

Ich ging wie ein Storch auf meinen langen Gedanken
Und stelzte allein und geriet wie die Nebel ins Wanken.
Und ich fragte: ist niemand da, nicht mal mein Schatten?
Nichts rührte sich im Nebellicht, im matten.
Nur ich Schritt aus, und kraus saßen Dornen am Wege,
Und Steine steifen wie Totenköpf' im Gehege,
Als fielen Steine schon tagelang wie ein Regen,
Und auf Steine und Dornen dürft' ich den Leib hinlegen.
Und dürft' liegen dort, bis die lange Sehnsucht vergangen,
Bis statt meiner Steine und Dornen zu schreien anfangen.

 

Die Sonne kann nicht mehr die weiten Wege machen

Die Sonne kann nicht mehr die weiten Wege machen,
Kurz ist der matten Tage eisiges Lachen,
Die Sonne tut, als wollte Sie entrinnen, —
Vielleicht will sie auch neue Lust ersinnen.
Sie hüllt sich in das Dunkel langer Nächte,
Als ob sie in den finstern Mantelfalten
Neuer Gedanken neues Spiel erdächte.
Nur Liebe kann der Sonne Feuer wach erhalten
Und spielt auch mit des Winters Nachtgestalten.

 

Graues Heimatnebelland

Fühle keine Kälte sehr,
Wenn die Nebel sich vereisen;
Denn mein Herz geht vor mir her,
Will mir Heimatwege weisen.

Aus den Fenstern durch die Nacht
Glänzen deutsche Weihnachtskerzen,
Und die deutsche Tanne lacht,
Und sie lacht zu meinem Herzen.

Nenne nichts auf Erden mein
Von dem großen Heimatgrunde,
Als den Regen nur allein
Und den Nebel in der Runde.

Graues Heimatnebelland,
Bin dir immer treu geblieben.
Nirgendwo ich Ruhe fand,
Heimweh hat mich heimgetrieben.

Das Jahr, es wandert rund im Kreis
Das Eis stockt, und der Fluß steht still,
Ein Rabe hockt dort schwarz im Weiß,
Im Winternebel, der nicht weichen will.

Das Jahr, es wandert rund im Kreis;
Es bringt den Schnee zu seiner Stund'
Und winkt jetzt mit beeistem Reis.

Vom Tode kommt uns manche Rund';
die Worte werden doppelt heiß
Hängt sich sein Frost an unsern Mund.

 

Ein Nebel kam über die Brücke gegangen

Ein Nebel kam über die Brücke gegangen;
Er riss Berge in Stücke wie alten Kram
Und sprang an die Fenster und hielt mich gefangen.

Er rollte die Dinge wie weiße Ballen,
Und jeder Baum wie ein Tänzer ankam
Und hing in der Luft wie aus Wolken gefallen.

Und der Nebel stand still wie aufgepflanzt.
Die Liebesgedanken an die Hand er nahm,
Verschwand mit ihnen, ist fortgetanzt.

Der Nachtwind mit der Lust, zu klagen

Der Nachtwind mit der Lust, zu klagen,
Muß Gewimmer durch die Gassen tragen
Und muß mit Sprüngen zwischen die Sterne jagen.
Er singt von den Dingen, die verlassen und tot,
Von allem, was draußen erfror,
Und heult dir ins Ohr,
Was hinter den letzten Bergen dir droht.
Und er singt deiner Sehnsucht, die zaudert,
Sein Lied aus Luft, daß sie schaudert.
Es schmolz die Schneehaut über Nacht

Es schmolz die Schneehaut über Nacht,
Die lockere Erde liegt da aufgetaut  wie einer,
der von einem Alb erwacht.
Es schreit ein junger Hahn weit hinterm Berg,
Er glaubt an einen Frühlingswahn,
Sein Wahn, der kräht als Riese aus dem Zwerg.

Und doch steht noch der Winter hinter jeder Wiese.
Mäht auch der Tauwind, der da draußen weht,
All der Eisblumen jähe Pracht an jeder Fensterscheibe,
Sie kommen wieder über Nacht,
Wie Liebeszweifel einem Mann
Zu dem geliebten Weibe.

 

Und der Fluss erfriert in seinem Bette

Eisschollen schwimmen im Fluß jeden Morgen,
Sie drücken das Wasser wie gefrorene Sorgen,
Als legt sich einer schwer auf des Flusses Rücken,
Und der Wasserspiegel geht in Stücken.
Und die Scherben Schwimmen und rollen,
Die dem Fluß das Leben forttragen sollen.
Sie schwimmen hin unter den Brücken
In langer Kette hinunter den Fluß,
Und der Fluß erfriert in seinem Bette, —
Das Wasser wird zum Weg für eines jeden Fuß.
Und das Wasser steht an den Ufern wie Stein,
Und keiner sieht ihm mehr ins Herz hinein.
Vorher war am Ufer ein Kommen und Gehen,
Jetzt ist dort eine Totenstille und ein totes Stillestehen.
Die Gedanken frieren, die den eisgrauen Fluß anschauen.
Ich küsse meine Geliebte, sie kann meine Gedanken auftauen.

 

Am süßen lila Kleefeld

Am süßen lila Kleefeld vorbei,
Zu den Tannen, den zwei,
Mit der Bank inmitten,
Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut
Der sanfte Fjord,
Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.

Gib mir die Hand.
Die beiden Tannen stehen so still,
Ich will dir sagen,
Was die Stille rings verschweigen will.
Gib mir die Hand ...
Gib mir in deiner Hand dein Herz.

Viel schnelle Amseln laufen

Viel Schnelle Amseln laufen unterm leeren Strauch
Im Efeuhag bei einer alten Treppe.
Es duftet dort im kahlen Wintertag
Nach Weihrauch und nach Wachslichthauch.
Die Treppe führt durch kahle Baumgestalten
Zur ausgetretnen Schwelle einer Bergkapelle.

Die dunkeln Amseln rennen durch den Ulmengang
Sanglos, wo sonst die Beter knieen Sommerlang.
Die Amseln sind in kahler Winterhelle
So still, als können sie dir alle Sorgen nennen
Und Herzgelübde, die vom Morgen bis zum Abend
Im Sommer hier die Betenden bekennen.

 

Der Berg ließ die Erde still los

Hoch hängt ein Berg im Nebel,
Die Äcker sind finster durchtränkt;
Rein Vogel dir Antwort mehr ruft,
Eisduft auf die Felder sich senkt,
Und die Bäume schweben in Luft.

Wie ein Schiff der Berg hinlenkt,
Durch blaue Bäume er drängt.
Die Sonne schaut groß ins Graue,
Die Sonne ist spiegelnd ein Schloß.
Der Berg ließ die Erde still los,
Wie ein Herz an die Träume sich hängt.

 

Zwei Raben

Schneeluft steht still und ohne Sang.
Zwei Raben jagen den Fluß entlang,
Die dunkel mit den Flügeln schlagen.
Seit Tagen streichen sie da herum
Und wollen nicht von dem Ufer weichen,
Als tauschten sie mit der Flut manch Zeichen,
Und mit dem Schnee, den sie belauschen.
Sie reden mit finstern Flügeln stumm
Und gehen verkleidet wie Ahnungen um.

 

Ein blauer Schneeweg

Ein blauer Schneeweg im Mittaglicht,
Die Schneewelt lacht unter Eisschauer.
Manchmal ein Eiszapf vom Zweig abbricht,
Ein Eistropfen raschelt und fällt.

Die grüne Tanne den Schnee sacht wiegt
Und ihn der Mittagsonne hinhält.
Ein Specht einsam dem Weg nachfliegt;
Sein Flug lautlose Bogen macht,
Totstill, als wäre es blauhelle Nacht.

 

Am Schneeberg

Am Schneeberg sitzen Raben in Hungerscharen
Im klaren Mittag auf getauten Erdflecken.
Sie erschrecken mit lauten Schreien,
Als kam' ein Unglück unter sie gefahren.
Sie ducken sich in ihre schwarzen Flügeldecken,
Als Säßen sie in finstern Verstecken.
Sie sind wie Gedanken, die unsichtbar waren,
Die dann mit Gekreisch sich aufwecken
Und schreien die Schnee-Erde an:
Schnee, werde Fleisch!

 

Die Herzen der Sänger

Es liegt an den Scheiben noch Winterhauch,
Und schon zirpt die Meise im kahlen Strauch.
Die Herzen der Sänger nie stille bleiben;
Kaum werden die Tage, die fahlen, länger,
So werben sie leise um Sonnenstrahlen.
Und taut es im Eise, so taut einer Meise
das Herz gleich auch.
Erlöst von den Tagen, den rau,
Ausplaudern sie all ihre Liebeslieder,
Die sie dem Nächstbesten vertrauen.

 

Als ob nur die Ferne Glück verheißt

Nun wandert das Eis, der Fluß ging auf,
Die Flut die Schollen zerbeißt,
Wie die Wut, die sich selber zerreißt.

Und schwindelnd ist jetzt des Wassers Lauf,
Als müßt' es mit Eile einholen,
Was ihm die Eisstarre gestohlen,
Als schlüg' es das Eis mit dem Meißel zu Hauf.

Es wirbelt rund, wie ein Kreisel geht,
Und Berg und Ufer ums Wasser sich dreht,
Als ob auf Erden nichts still mehr steht

Und alles mit dem Wasser reist,
Als ob nur die Ferne Glück verheißt.
Und gerne rief ich die Wellen zurück
Zum Herz, wo Nähe um Nähe kreist.

 

Ein weißer Eissommer

Ein weißer Eissommer kam auf die Welt,
Der einen Tag lang nur hält
Und über Nacht wieder zusammenfällt;
Eine Sommerwelt steif aus zerbrechlichem Reif.
Die blendende Pracht, die schweigend ragt,
Kein Lied laut anzurühren wagt.
Kein Vogelsang dein Ohr auftaut,
Dein Fuß, der sich regt, kommt sich geisterhaft vor.
Baum schaut bei Baum weiß, unbewegt.
Doch dein Blut immer gern an den Sommer glaubt,
Ist die ganze Welt auch eisergraut und eisbelaubt.

 

Das bißchen Licht am Winterfenster

Der Schnee liegt auf der Erde Bauch,
Und im Kachelofen die Kohle glüht.
Doch im Zimmer blüht ein Fliederstrauch,
Der sich von Herzen zu blühen müht.
Das bißchen Licht am Winterfenster
Lockt statt der Blüten nur Blütengespenster.
Der Ofen, der voll Kohlen dahockt,
Kann nicht die Sonne einholen.
Der Flieder kläglich blüht und dankt,
Wie einer, der täglich dem Wahn nachwankt,
Geliebt zu sein, und glüht auf daran,
Wenn auch im Grund ihm der Glaube krankt.
Schon beim leisen Druck deiner Hand

Hinter beeisten Hecken,
Hinter weißen Dornenverstecken
Lag der bleiblaue Winterqualm;
Der erdrückte den Tag.
Kein Schneehalm von der Stelle rückte.
Die eisige Helle tat den Augen weh,
Wie Glassplitter schmerzte der Schnee.
Doch das Eis verschwand an jedem Ast,
Wenn dein Finger nur leicht hingefaßt.
Schon beim leisen Druck deiner Hand
Zerstäubt jeder eisige Spuk.

 

Jeder muß sich seinen Weg

Jeder muß sich seine Wege durch die Sterne brechen.
Die können dir mit ihrem Sehnen die Augen ausstechen.
Sie lehnen sich an deine Stirn und sprechen in deine Ohren;
Du könntest wähnen, du hast dich zu ihnen in Nichts verloren.
Sie flimmern auch wie Geschmeide am Nacken der schönen Frauen.
Sie tuen dir nichts zu leide, aber sie erwecken Grauen.
Sie, die über den Schicksalen schweben der Erdenleute,
Die so hoch sind, daß sie hinaussehen über das Heute,
Sie, die ohne Boden ihre Wege hingehen,
Sie leuchten und lassen doch Dunkelheit stehen,
Stützen sich auf deine Schultern und fallen wie ein Geschoß
Und lassen den Himmel doch niemals los.
Sie lebten schon, als noch keine Menschennamen waren,
Und leben weiter, wie die Liebe von ewigen Jahren.


 

Die Sorgen ackern

Die Sorgen ackern von Morgen bis Abend,
Von Abend bis früh; unermüdlich ist ihre Müh'!
Sie säen Schnee und säen Stein',
Nie schlafen die zähen Sorgen ein.
Sie müssen leihen und müssen borgen
Und lachen nie und lehren hassen
Und steinigen, den sie niemals verlassen.
Der kann nichts machen, wen die Sorgen mal lieben,
Es werden die Starken zu Schwachen,
Gerechte zu Dieben.
Den einzigen, den sie vergessen dann,
Ist der, der noch stärker lieben kann.
 

 

Wege leer ins Leere sehen

Wege leer ins Leere sehen.
Bäume, Berge, Dorn und Ast
Stehen noch als kahle Last.
Nur die Wolken ziehen, wehen,
Sonst ist noch kein Weitergehen.
Nur die Wolke will sich rühren,
Stille stehn noch all die Ändern.
Wolken nur durch Gassen wandern,
Lassen süße Unruh' spüren.

 

Der Frühling ist in aller Mund

Noch schneit es Schnee in einer Stund',
Und regnet Regen in der andern;
Der Frühling ist in aller Mund.
Aber auf Wegen weit und breit,
So weit die Beine Meilen wandern,
Hat's überall noch gute Zeit.
Unendlich kahl wie Ewigkeit
Ist Berg und Tal im Erdensaal.
Zur Hochzeit ist noch nichts bereit
 

 

Und was suchen die alle?

Nackte Weidenstauden gehen hinter dem Bach,
Westwind packt die Straße und rennt ihr nach.
Die erste Amsel hat angehoben.
Vom Lied werden Wolken fortgeschoben.
Es kommt ein Schimmelwagen mit geschlossenem Dach,
Als führt' er vom Himmel die Braut zum Gemach
Voraus den Schimmeln, da reitet im Winde,
Der Regen mit Tropfen und Wolkengesinde.
Und was suchen die alle? — Die Liebe, die blinde.
 

 

Jetzt rennen die Bäche

Jetzt rennen die Bäche so blau daher,
Als sind sie vom Himmel herabgeschwommen.
Noch ist die Luft von Liedern leer,
Doch die Bäche haben schon Stimme bekommen.

Noch ist die Luft so still wie ein Grab,
Nur meine Gedanken haben gesungen.
Den Bächen ich froh das Geleite gab,
Mein Blut ist mit den Wassern gesprungen.

 

Der Abend wirft allen die Masken ab

Die ersten Sterne hängen wie an Faden
Beweglich über den Gängen der Täler.
Die Berge werden schmäler im Abend
Und haben Brüste und Gebärden.
Der Fluß kommt an voll düsterer Gelüste,
Als ob er Wünsche ertränken müßte;
Der Fluß ist ein Grab ohn' Anfang und Ende.
Der Abend wirft allen die Masken ab, —
Zehn freiende Könige werden die Finger der Hände.

 

Mit Uhren zählt man nur die Qualen

Mein Ohr belauscht die Nacht,
Der Fluß rauscht mild.
Rein Wind kommt aufgebauscht,
Die Stille Blicke mit der Stille tauscht.
Ich höre alle Uhren schlagen mit Bedacht,
Die dir die Stunden laut vorrechnend sagen.
Mit Uhren zählt man nur die Qualen.
Der Glückliche hat alle Uhren satt und kann es wagen,
Nach Lust zu leben ohne Zifferblatt und Zahlen.

 

Die Pappeln am Fluß

Die Pappeln am Fluß sind noch winterkahl,
Der Winterschlaf ihnen die Wirklichkeit stahl.
Im Wasser Spiegelt ihr Schatten jetzt grün,
Als ob die Schatten wie Laub aufblühn.
Grün ist da unten der Spiegelwald,
Dann landet das Grün am Ufer bald.
Die kahlen Pappeln sich gern besehen,
Und Fische statt Vögel im Wald unten gehen.

 

Einmal lässt Sehnsucht sich nicht mehr verstecken

Neuschnee am Berg in weißen Flocken,
Es stürmt und regnet aus den Wolkenfalten.
Doch nichts kann mehr den Amselsang aufhalten.
Hängt auch der Wind an allen wüsten Hecken,
Die Amsel übersingt den Regenschnee.
Einmal läßt Sehnsucht sich nicht mehr verstecken,
Und durch die graugedämpften Wolkendecken
Flüchtet ihr Lied hin wie ein warmes Reh.
Bald schliefen alle Dunkelbetten in allen Ecken endlich aus

Nun will noch einmal blendend Schnee
Auf allen Dächern hell sich zeigen,
Eh' schnell, den weißen Schlaf beendend,
Im Blätterreigen und im Reigen
Der Gräser, unter Knospenzweigen
Und Augen hin zur Sonn' sich wendend,
Lerchen und Lustgedanken steigen.
Bald schliefen alle Dunkelheiten in allen Ecken endlich aus
Und tanken hin als kleine Schatten
Über die Wiesen um das Haus.

Kommt der Frühling geschwommen

Der Fluß warf die Eisschollen ans Land,
Groß und weiß liegen sie auf dem Pflaster.
Am Uferrand tollen die Kinder;
Sie sind auf die Eisstücke gestiegen,
Und sie fühlten sich auf dem Eis vor Wunder heiß.
Oben auf der Brücke ist ein Gedränge und Gedrücke,
Leute, die wie die Fische der Eisgang freut,
Und alle erkennen: aus gestern wird heut.
Die Menschen alle rennen,
Eins hier und eins dort,
Als reißt des Wassers Unruh'
Das Blut schon frühlingshaft fort.
Und während drunten die Eishaut zerbricht und zuckt,
Jeden Mensch im Blut eine Sehnsucht juckt.
Und sie sind alle zusammengekommen,
Und sie horchen dem Wasserschalle nach
Wie einem großen Falle und sind beklommen,
Und sind doch erfreut, denn auf jeder Scholle
Kommt der Frühling geschwommen.

Und Erde ist die Hand, die dieses Buch still schließt

Noch leer die Felder, Erde, Staub und Ackerfurchen.
Von kahlem Holz sind alle Wälder taub und schwer,
Und nur Gedanken an den Frühling schwanken
Unausgewachsen wie im Wasser Lurchen.
Du selbst kamst aus dem Ackerstaub mal her
Und gehst und denkst und liebst dich selber sehr.

Du glaubst selbst, daß du liebend dich verschenkst,
Und blühst doch nur wie bald die Apfellauben
Und meinst, daß du gelitten und dich mühst
Und weinst, wenn deine Jahre tot verstauben.
Doch Erde alles ist: das Buch, worin du Lieder liest,
Und Erde ist die Hand, die dieses Buch still schließt.

Die Schneeschaufel

Ich horch' auf die Schneeschaufeln vor meiner Tür,
Sie Scharren und hacken den Rest zu Hauf,
Wie ein Fest ich mein offen Fenster spür',
Hinaus ziehen ergraut die Wintergespenster.
Flußwasser rauscht wieder laut beim Haus.
Mein Ohr begierig der Schneeschaufel lauscht,
Als singt jede Schaufel ihm Lieder vor.
Und dunkel sieht jeder Berg wieder
Mit freier Erde zum Himmel empor.
Mein Atem noch gestern zu Nebel festfror,
Er läßt mich jetzt atemlos stehn,
Und mein Blut pocht mir wie die Schaufel am Tor.

Die Mondsichel

Die Mondsichel gelb, schief gestellt
Fällt in den Talgrund hinein;
Senkt sich, als horcht' sie am Tor,
Als sucht' sie einen, den sie beschwor.
Hat ihre Begeisterung blind verschenkt
Und dann sich verdüstert und bedrängt
An einer Nachtwolke aufgehängt.

Umwinterte Berge

Umwinterte Berge wie breite Särge,
Eine weiße beschneite Straße
Mit Frost auf glattem Geleise.
Aus mattem Nachmittagslicht
Sticht des Mondes vergilbtes Gesicht.

Wie von Spiegel zu Spiegel im Glase
Unendlich geht die Straße ins Weite,
Fern, nur noch der Sehnsucht verständlich.
Gern gibt ihr dein Aug' das Geleite.

 

Der Schnee

Der Schnee nicht mehr die Wege verläßt,
Der Winter hängt weiß an den Dornen fest.
Manch Ast unter der Last zerbricht,
Und die Berge liegen verblaßt.

Die Sonne nur kurzen Weg tags reist.
Sie hängt in den Wolken tot und vereist.
Wenn auch keine Sonne zur Seite dir geht,
Wenn nur Liebe dich anscheint von früh bis spät!

 

Der Regen, das lebende Frühlingszeichen

Der Regen, das lebende Frühlingszeichen,
Will den Winterboden unter den Füßen aufweichen,
Und die Erde hält still auf allen Wegen.

Jetzt muß sich der Regen in Dornen noch legen.
Bald wird er wieder durchs Gras hinstreichen,
Und kein Tag wird mehr dem ändern gleichen.

Die Stunden werden dann wieder verwegen,
Die Füße wandern dann ungebunden,
Und die Liebe wird wieder von allen erfunden.
Alle handeln, wie die Herzen müssen

Meine Ohren horchen in die Nacht,
Wie der Regen seinen Tanzschritt macht.
Ruhe, eine der uralten Ammen,
Singt ihr Lied mit Dunkelheit zusammen,
Und der Regen tanzt auf flinken Füßen.
Alle handeln, wie die Herzen müssen,
Alle wandeln frisch und unverfroren.
Nur die Liebe wird mit Angst geboren,
Nur der Sehnsucht ruhen nie die Ohren.

Und durstig kommt die Nacht zu allen

Die Amseln spielen ihre vielen Flöten,
Die schallen lustig in das Abenddunkel.
Sehr große Regentropfen fallen,
Und durstig kommt die Nacht zu allen.
Ich gehe unterm Regen an dem Fluß entlang,
Die Welle singt halblaut noch ihren Wandersang,
Die Wasser leuchten noch mit letzter Helle.
Doch Berge und die Sehnsucht fliegen nie.
Sie liegen drückend stets auf einer Stelle.

Schneeflocken wie weiße Mücken

Schneeflocken wie weiße Mücken
Fahren in Scharen quer im Wind.
Wie weißer Puderstaub aus Perücken.
Märzsonne vergoldet und wird nicht mehr blind.
Märzwolken sich tummelnde Masken sind
Und Schütten Papierflitter aus mit der Hand.
Weißer Tänzerinnen Tanz ist der Flocken Gezitter.
Unter Mummenschanz schwärmt die Sonn' als goldener Ritter,
Und die kleinen Flocken fallen erwärmt aus dem Takt unter Atemstocken.

 

Es sieht ein Stern herein

Es sieht ein Stern herein,
Der mit dem Abend einzieht;
Wie einer, der nicht vom Fleck mehr geht,
Und mit glühenden Augen sich viel verspricht.
Wie einer, der sich im Dunkel verlor
Und streicht dicht um Fenster und Tor.
Ein heißer Gedanke die Stirn ihm kränzt,
Der seinen Weg noch nachts beglänzt.

 

Das Land im Schnee kein Ende fand

Und als ich um eine Wegecke ging,
Hing der Himmel im Abend,
Als ob er gelbes Feuer fing.
Der Waldrand war eine purpurne Hecke.
Voll blauem Schnee stand der Berg ungeheuer,
Das Land im Schnee kein Ende fand.
Doch die Gedanken standen im Licht nicht still,
Da noch endloser als aller Schnee die Sehnsucht hin will.
Das Eis tut heute keinem weh

Gut über dem Schnee steht ein blauer Tag,
Blau wie von unendlicher Dauer.
Das Eis tut heute keinem weh,
Die Felder schimmern friedlich weiß,
Als acht' der Schnee im Sonnenglimmern,
Wie er einst als Wolke im Himmel lag.
Die Glocken läuten ins Blaue hinein,
Und bei dem zärtlichen Himmelsschein
Fällt selbst dem Schnee nicht der Winter ein.

 

Schollen Eis

Jetzt kommen einsam Schollen Eis
Als letzte auf dem Fluß geschwommen,
Still, als ob jede ihr Schicksal weiß,
Von Tal zu Tal vom Wasser mitgenommen.
Sie ziehn wie Scherben auf der Flut,
Sie können dem Sterben nicht mehr entfliehn;
Und jede wie im Tod blaß ruht
Und zieht im Fluß wie im Sarge hin.

 

Die Kälte

Die Vögel sind aus dem Wald noch vertrieben,
Sie stieben frierend um das Haus,
Und Kälte machte die Hasen zu Dieben;
Sie gruben bei Nacht den Garten aus.
Die Kälte lockt den mißtrauischen Raben,
Daß er wie Schuld schwarz am Schneeweg hockt.
Die Kälte mit Geduld die Nebel spinnt
Wie Sorgen, die kein Ende haben,
Bis still der Tag erschöpft verrinnt.
Es ist ein Wintertag durchsichtig einerlei

Es ist ein Wintertag durchsichtig einerlei
So wie ein unbebrütet kühles Ei;
Die Bäume stehn als Holz an jedem Wege.
Der Schnee, der stolz sonst, liegt schon im Vergehn,
Die Erde naß und voll verjährtem Gras.

Prachtfinster schauen alle Berge an der Sonnenstraß',
Als ob Dämonen in den Wänden wohnen.
Die Lieb' behüte dich vor ihren Händen.

 

Der Himmel

Verschleierter Tag. Die Welt ist kühl wie ein Fisch,
Der Himmel ein langer und leerer Tisch,
Daran die Sehnsucht verhungern mag.
Ob es Tag oder Nacht, heute mir keine Lippe lacht,
Mein Blut ist der Öde Beute.
Die Berge mit frierendem Atem behaucht,
Als ob alles zu Luft zerfällt
Und vor den Augen verraucht,
Und der Fluß — als eil' er aus der Welt.

 

Laternen stehn

Laternen stehn im Rauch versteckt
Als niste Unglück in jedem Strauch,
Hat der Nebel die Nacht überlistet.
Wie eine Schlange auf nassem Bauch
Liegt er auf seinem Gange Stück bei Stück
Und fristet ein giftiges Leben.
Er will die Dinge in nichts fortheben
Und hängt sich ums Licht wie eiserne Ringe
Und legt sich als Schlinge ums glücklichste Gesicht.
Die Worte sterben, wenn die Träne spricht

Eine Träne wenn gequält aus dem Auge kroch,
Wenn sie fällt, schlägt ein Loch in die Welt.
Wenn die Träne sich bewegt, trägt sie Last;
Berge rollen bei der schweren Träne Hast.
Tränen leben sich zum bittersten Genuß;
Worte heben Tränen oft ans Licht,
Tränen eine Gnade dir nur geben:
Worte sterben, wenn die Träne spricht.

 

Abendhelle

Abendhelle drunten im Fluß.
Am Himmel ein paar schnelle Wolkenstriche
Und ein Stern, wie eine kleine silberne Zelle.
Die Steinbrücke reicht in das Finster hinein,
Darauf drei Laternen und von Dunkelheit drei Stücke.
Das Wasser die Lichter reich spiegeln muß,
Die Wolkenstriche weich wie Ruß und den Schatten der Brücke.
Aber die Abendhelle steht im Fluß
Wie eine glückliche blaßblaue Stelle,
Wie ein schimmernder Frauenfuß auf dunkler Schwelle.

 

Der Tauwind

Der Tauwind fährt um den erdigen Anger,
Der Fluß zieht her voll Hochflut schwanger,
Die Wolken hängen dicht voll Begehr,
Und tolle Regentropfen drängen.
Und die Menschen heben die Füße so schwer,
Als hörten sie Blut auf die Erde klopfen.
Gut fällt der Regen und warm wie aus Händen,
Und keiner mehr hinter den Wänden ruht,
Die Gedanken setzten sich hoch zu Pferde und folgen der Flut.

 

Das Wasser

Die Flut kommt geschwommen, die Welle muß kreisen,
Das Wasser hat knirschende Stimmen bekommen,
Als Schwämmen im Fluß laut Stein' und Eisen.
Das Wasser muß schrein und will Berge zerreißen,
Der Fluß ist allein, die Erde muß weichen.
Der Fluß muß hinreichen wie wilde Nächte,
Und dunkel muß er das Böse pfeifen.
Er rennt im Schuß, voll Lehm, ohne Spiegel, ohne Gruß,
Als sollt' ihn die Erde mit Leibern speisen.

Vom Wind

Der Stürzende Wind, der die Täler anfüllt,
Der in die Nacht sich hüllt,
Brüllt, als ob er den Ruf des Rindes nachahmt,
Wenn er schneller noch als des Hengstes Huf
Den Fluß überholt mit Gewalt
Und am Ufer hallt wie Schuß bei Schuß
Er prallt an des Berges Stufen,
Macht die Wälder zur Orgeln,
Daß sie erwacht den Himmel anrufen.
Es fahren im Tal die Winde empor.
Und immer ist Qual in ihrem Gebaren,
Und immer Jammer, wie über eisgrauen Haaren.
Wer mit dem Nachtwind die Unruh teilt,
An dem eilt die Liebe vorbei,
Wohnt nie mit ihm glücklich im gleichen Gemache
Und weilt nie unter dem gleichen Dache.
Und nie heilt ihm seine Qual,
Und ist nicht ein Schrei,
Ist eine Kette von Schreien ohne Zahl.

 

Dein Haar ist mein zärtlichstes Kissen

Und schmückt dein Haar meine Kissen,
Wie wird die Welt mir so gut;
Deinem Haar verschrieb ich mein Blut,
Deinem Haar, das im Dunkel noch lacht,
Und das der Leidenschaft Geste
Stumm wie das Feuer nachmacht.

Dein Haar schreibt viel brennende Zeilen,
Dein Bett ist der heißeste Brief;
Dein Haar ist mein zärtlichstes Kissen,
Auf dem meine Sehnsucht entschlief.

Deine Locken

Ich wühlte gern hitzig in deinem Haar,
Sage mir: reden die Locken wahr?
Die Locken werfen sich voll und rund
Wie tolle Bäche an meinen Mund.

Und jeder Lockenleib wild sich rollt,
Als ob er mit Glut mir zufliegen wollt.
Ich möchte vor Lust mein Herz zerbrechen,
Mit tausend Splittern zu dir sprechen.

Alles wird wertlos

Als ich Abschied nahm von deinem Mund,
Hielt mich noch dein Haar wie Arme fest;
Ich ward stumm von der Stille jener Stund,
Und von deiner Träne blind,
Die mich nicht meht verläßt.

Wenn du mich verläßt,
Kann mein Herz nicht fliegen,
Und sitzt wie ein nasser Vogel im Nest.

Sonst seh ich in alle Kammern hinein,
Doch wenn du mich verläßt,
Steh ich an Türen von Stein.

Alles wird wertlos,
Auch's Gold in der Hand,
Und die Sehnsucht führt mich
Hinkend durchs Land.

Die Sonne sank ...

Es wird so dunkel, und mir wird so bang.
Die Trennung von der Liebsten ist so lang.
Ich zittre, liege still und atme kaum, -
Ein Blitz fiel geisternd durch den Himmelsraum.

Ich bin so schreckhaft wie ein Wild im Wald.
Die Sonne sank; und kehrt sie wieder bald,
So hab' ich nur das eine stets gedacht:
Fern von der Liebsten ist es ewig Nacht.

Für dich

Möcht' mich als Staub vor die Füße dir legen,
Will dich bewegen wie die Winde das Laub,
Wollt' Küsse dir geben, soviel Tropfen im Regen,
Liebe ist blind, doch du Geliebte bist taub.

Hätte ich Hände, soviel Blätter die Bäume,
Sie alle sollten für dich nur sich regen.
Für dich sterb ich stündlich im Lied meiner Träume
Und kann mich selbst nur im Traum noch bewegen.

Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett

Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett
In deinem schönsten Kleid aus Scham und Blöße,
Und draußen kam die Nacht auf atemlosen Schnee,
Und auch Gottvater kam in atemloser Größe.
Mit vollem Auge hat der Gott geweint, gelacht.
Du hast dein Herz und deinen Leib
Zur Krone dieser Nacht gemacht.

Sind zwei getrennt

Sieh droben den Mond zwischen Türmen hängen,
Er konnte die Nacht aus dem Himmel verdrängen.
Er hängt wie der Schein alles Sehnenden oben,
Wie Helle, die sich voll Hoffnung gehoben.

Und sind zwei getrennt, auch in fremdesten Gassen,
Verliebten wird niemals ihr Himmel verblassen,
Ihr Himmel, der kann ihre Augen aufhellen
Durch brennende Botschaften zwischen zwei Schwellen.

Trennen ist ein Sterben

Wie der Tag sich windet
Und kein Ende findet!
Die Minuten stehen,
Müssen rückwärts sehen.

Seit der Morgenstunde,
Die mit starrem Munde
Dich zum Abschied weckte,
Sich nur Öde streckte.

Fühl' die Haut erkalten
Und die Stirn sich falten,
Muß ins Leere schauen
Und dem Tag mißtrauen.

Trennen ist ein Sterben,
Schlägt die Welt in Scherben.

Sonne sank

Sonne sank still in die Wälder.
Blank unter den Wolken ein lichtarmer Streif.
Wolken sonst weit, Wolken und Felder,
Wolken sonst weit.
Im Rasen zwei Pferde
Und raufen Gras, blaß spiegelt der Teich.
Bleich wächst die Nacht aus der Erde.

 

Deine Brüste an meiner Brust.

Deine Brüste an meiner Brust.
Die Seelen öffnen ihr Grab.
Ich sah durch die geschlossenen Augen,
Die Sonne sank in dir hinab.
Ich sah noch hinter der Sonne die Tiefen,
Den Urweltraum, wo alle Lebenskeime schliefen.

Sehr einfach still war es umher,
Und wir waren unendlich groß,
Wir waren alles und wußten nichts mehr,
Wußten bloß, daß wir selig waren.

Die Winterwolke spricht von Schnee

Kein Vogel fliegt im leeren Strauch.
Das Gras, das gelb beim Erdreich liegt,
Ist tags noch weiß vom nächt'gen Hauch.

O, armes Gras, du tust mir weh,
Bist müde gleich dem Vogelvolk;
Die Winterwolke spricht von Schnee.

Den Weg des Todes zieht die Welt,
So wie das Blut das Herz einst flieht
Und der Gedank' in nichts zerfällt.

 

Ich schleppe der Einsamkeit Berge

Es kann mein Mund kaum klagen,
Ich muß jetzt Stille tragen.
Sie macht mich wie zum Zwerge,
Ich schleppe der Einsamkeit Berge.

Seit du Geliebte gegangen,
Sitz ich von der Stille gefangen.
Ich muß mich unter ihr bücken,
Sie hockt mir als Höcker am Rücken.

 

Und Nächte werden aus allen Tagen

Und Nächte werden aus allen Tagen
Dann endet keine Straße mehr,
Und wie die Gespinste aus grauen Sagen
Hängen die Nebel die kreuz und quer.

Ich suche die Nähe und suche die Ferne
Und habe den Weg nicht weiter gebracht,
Als von einer Laterne zur andern Laterne,
Von Nebelachacht zu Nebelachacht.

Der Nebel geht immer mit deinem Schritte.
Nur so lang du dein Blut mit Blut vermischt,
Nimmt kurz dich das Licht in seine Mitte,
Der Nebel vorm flammenden Blut verzischt.

 

Mit dem Tode Wand an Wand

Die Nebel fallen in das Land.
Ach, mit dem Tode Wand an Wand
Wohnt jeder, der das Leben fand.

Nur wenn wir uns die Lippen reichen,
Ist das der Nacht ein Feuerzeichen,
Und auch die letzten Nebel weichen.

 

Nie findet jetzt mein Hunger Ruh

Nicht bloß der Spiegel sagt zu dir: "Du bist mir lieb,
Wenn doch dein Bild stets fest im Glas mir blieb!"
Auch meine Augen müssen dir gestehen:
Als sie dich angeschaut, da lernten sie erst sehen.

Nie findet jetzt mein Hunger Ruh, der mich verzehret,
Der täglich deinen Leib als täglich Brot begehret
Und keinen Wunsch sonst mehr mein Leben nennt,
Als daß es, wie die Flamme an der Kerze,
An deinem Leib verbrennt.

 

Jetzt ist es endlos still umher

Und es wird todstill vor meinen Ohren,
Deine Stimme hat sich zur Ferne verloren.
Es ziehen nur meine Gedanken noch auf
Wie die Rauchfäden aus einem Aschenhauf.

Du warst das Feuer und bist gegangen;
Deine Flammen allstündlich um mich sangen,
jetzt ist es endlos still umher, —
Bin warm noch, doch ich leb nicht mehr.

 

Ich grübe mir gern in die Stille ein Grab

Ich fühle mich tot, als war' ich erfroren,
Als hätt' sich die Welt zu sterben verschworen.
Ich grübe mir gern in die Stille ein Grab
Und warte begraben deine Wiederkehr ab.

Vom langen Warten versteinen die Wangen
Doch lebt auch im Stein noch ein sehnend Verlangen.
Ich weiß nur, daß ich nichts fühlen will;
Vielleicht steht dann endlich das Warten still.

Der Wind, der heult vor den nächtlichen Toren,
Als würde da draußen nur Unglück geboren.
Er klagt wie ein Hund in die Leere hinein,
Und stets drängen Hunger und Sehnsucht herein

Die Mondfrau

In meiner Fensterscheibe tritt der Mond hervor
Mit seinem fraulichen nackten Leibe,
Und um ihn auf der Nachtau ist ein Wolkengetreibe,
Als stürmten Freier zur sich lagernden Mondfrau empor.
Die Fackeln der Hochzeitsfeier und vom Brautbett die Spitzen

Leuchten herab durch der Dunkelheit Ritzen,
Daß die Schlafenden sich aufsetzen müssen
Und mit geschlossenen Augen die Mondfrau küssen.
Sie zeigt allen zum Wohlgefallen Brüste und Leib,
Sie zieht auf dem Bett ihrer Hochzeitslüste urch den Raum,
Sie zieht von Fensterscheib zu Fensterscheib,
Und sie macht die Knaben zu Männern im Traum.

Allerseelen

Grau wolkenerfüllt die Himmelsräume,
Geschwärzt von Nässe die fahlen Bäume.
Der Morgen ist wie der Abend verlassen,
Und nur der Regen lebt auf den Straßen.

Die Leute, die hinaus sich wagen,
Die seh' ich Totenkränze trafen.
Und alle hin zu den Friedhöfen geben,
Wo für Stunden die Toten heut auferstehen.

Und höre ich nachts den Regen gießen,
So sehe ich Gräber, die sich nicht schließen:
Herzwünsche, die wir lebend begraben,
Die zu verschütten wir nicht genug Erde haben.

Des hab' ich mich noch nie bedankt

Des hab ich mich noch nie bedankt,
Daß deine Hände nach mir langen
Und deine Lippen mich empfangen,
Daß in den Hügeln deiner Brüste
Ich mir fürs Leben Sehnsucht küßte,
Und gern mein Herz nach deinem krankt.
Des sei die Stund, die dich vollbracht,
Die dich zur Liebeslust erdacht,
Von jeder neuen Stund bedankt.